Auf den ersten Blick wirkt ein Moorbad oder das Kneten und Treten von Moor oft wenig einladend. Doch wer sich darauf einlässt, den zieht es immer wieder zur dunklen Masse, die es in sich hat.

„Die korrekte Bezeichnung für das, was die Medizin anwendet, ist nicht Moor, sondern Badetorf“, betont Dr. Ulrich Kämpfe. „Dieser Begriff hat sich allerdings nicht durchgesetzt“. Kämpfe, Sportmediziner und Kurarzt im bayerischen Bad Gögging, weiß: Fachkundige denken an eine Landschaft, wenn sie „Moor“ sagen. An ein Ökosystem mit besonderen Tier- und Pflanzenarten und einer langen Geschichte. Um die Moore ranken sich seit jeher allerlei Sagen – passend dazu steckt auch das vom Grunde des Moors geholte Heilmittel Torf voller Geheimnisse. Fest steht, dass die daraus gewonnenen Packungen und Bäder Wärme außergewöhnlich gut speichern und langsam gleichmäßig abgeben. So hält der Mensch z. B. ein 42 Grad heißes Moorbad in der Regel aus, seine Körpertemperatur kann dabei auf bis zu 38,5 Grad ansteigen. Krankheitserreger sterben ab, die Durchblutung nimmt zu, überschüssige Flüssigkeit und Giftstoffe werden anschließend ausgeschieden, Heilungsprozesse kommen in Gang.

Doch warum wirken Moor- bzw. Torfanwendungen äußerlich auch ohne Erhitzung? Im Innern der trüben Masse steckt einiges, was dem Menschen wohl tut. „Gerbstoffe, Huminsäuren, Cellulose und Pektin, um nur ein paar zu nennen“, informiert Kämpfe. „Es ist belegt, dass die Wirkstoffe durch die Haut in den Körper eindringen.“ Eine Auswirkung davon: „Die Gerbstoffe binden an Kollagen an und wirken antientzündlich, reizmildernd, antimikrobiell und sekretionshemmend.“ Wissenschaftler konnten nachweisen, „dass Moor die Hyaluronidase, also den Abbau von Knorpel, hemmt“.

In manchen Hochmooren kommt Östrogen vor – was das für Anwender bedeutet, wird noch erforscht. Ebenso, wie genau jeder einzelne Wirkstoff bei welcher Art von Anwendung Prozesse im Körper beeinflusst. Wie ein Heilmoor zu seinen Inhaltsstoffen kommt, ist hingegen bekannt: Ständig fallen abgestorbene Pflanzenteile ins Wasser, wo ihre Zersetzung durch Bakterien und Pilze beginnt. Langsam sinken sie auf den Grund, werden abgeschlossen von Luftsauerstoff und humifizieren. Ein Prozess von Jahrtausenden.

Moortherapie im Wandel der Zeit

„Dioskurides verordnete in seiner Arzneimittellehre 50 n. Chr. Schlammanwendungen bei chronisch entzündlichen Prozessen, Gicht und Rheumatismus“. nennen Dr. med. Petra Wenzel und Christa Klickermann in ihrem Ratgeber „Altes Naturheilmittel Moor“ (Verlag Klickermann, 2008) ein Beispiel. Ob Dioskurides‘ Schlamm aus Badetorf bestand oder aus Fango, ist allerdings nicht belegt.

Auch Fango und Heilerde tun wohl – und zählen, wie Moor, zu den Peloiden (von griechisch „pelos“ für Schlamm). Für Christa Klickermann ist Moor den anderen allerdings weit überlegen: „Fango ist ein vulkanisches Gesteinsgemisch und muss in der Regel Zusätze enthalten, um geschmeidig genug für eine Anwendung zu werden. Das Moor hingegen stammt aus der Natur, es lebt. Es enthält Tausende von vertorften Pflanzen, deren Wirkstoffe auch noch enthalten sind. Und es ist wissenschaftlich erwiesen, wie gut es an der Haut anhaftet.“

In einem Moorgebiet Österreichs aufgewachsen, sah Klickermann früh, dass „die Frauen, die mich umgaben, ins Moor gingen, wenn sie Frauenleiden hatten“. Menschen mit rheumatischen Erkrankungen bekommen oft Moorkuren verschrieben, weiß sie von Betroffenen: „Weil erwiesen ist, dass sie Krankheitsschübe aufhalten und Schmerzen lindern können, sind die Krankenkassen damit einverstanden, dass sowieso nötige Kuren in einem Moorheilbad stattfinden.“

Gerade für Moorbreibäder – medizinisch indizierte Vollbäder mit einem hohen Anteil an Badetorf – gibt es Gegenanzeigen, räumt Dr. med. Ulrich Kämpfe ein. „Das wären zum Beispiel akute Entzündungen, Herzprobleme oder bösartige Erkrankungen.“ Bei vielen kann ein weniger intensiv wirkendes Moorsuspensionsbad, das Treten oder Kneten von Moor oder eine Kaltanwendung eine Alternative sein. Rücksprache mit dem Arzt schafft Klarheit.

Vor dem Moorbreibad gilt: Nie alleine hinein- und hinaussteigen, denn Schwindel und Kreislaufprobleme bis hin zur Ohnmacht sind nicht selten. „Eine halbe Stunde vorher ein großes Glas Wasser trinken“, empfiehlt Kämpfe, „denn das Moorbad entwässert“. Wichtig ist auch die mindestens 30-minütige Nachruhe, um den Kreislauf zu stabilisieren.

Auch als Getränk und Kosmetikzusatz

Der behandelnde Arzt oder Physiotherapeut sollte der erste Ansprechpartner sein, wenn es um die Wahl eines Kurorts oder einer Klinik geht.

Was aber bringen Moorkissen, Trinkzubereitungen mit Moor und Kosmetika mit Badetorf, die es immer häufiger zu kaufen gibt? „Moorkissen wirken, weil sie Wärme und Kälte so gut leiten“, informiert Klickermann. Inhaltsstoffe seien zweitrangig. Bei den  Kosmetika und Trinkmooren gilt: Jene Produkte, die am besten duften und aussehen, enthalten oft wenig Moor und viele Zusätze – daher: Inhaltsstoffe studieren! „Echtes Trinkmoor“, ergänzt Klickermann, „schmeckt neutral und riecht nicht.“ Auch dieses überzeuge viele erst auf den zweiten Blick: „Nach einer kurmäßigen Anwendung über mehrere Wochen kann es die Immunabwehr verbessern und das natürliche Gleichgewicht im Magen-Darm-Bereich wieder herstellen. Viele chronisch Kranke können, nach Absprache mit ihrem Arzt, währenddessen oder danach ihre Medikamenteneinnahme verringern.“

Buchtipp: Dr. Petra Wenzel, Christa Klickermann: Altes Naturheilmittel Moor. Neues Wissen für die praktische Anwendung. Verlag Klickermann 2008, 2. Aufl., ISBN 3-00011626-5, EUR 17,50. Mehr Info: www.heilmoor.info

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